Die Musik Japans

von Peter Ackermann
Zum kulturhistorischen Rahmen: Die beiden japanischen Wörter dentô („Überlieferung, Überlieferungswesen, Fortsetzung und Weitergabe einer Linie“) und denshô („Weitergeben, Zuteilwerdenlassen und Empfangen, Erben“) dürften Schlüsselbegriffe sein, um das Wesen eines bedeutenden Teils der japanischen Musik zu verstehen. Dentô/denshô – auf Deutsch etwa „Tradition“ - ist engstens verbunden mit der Vorstellung der kontinuierlichen Linie und kann als natürliches Korrelat bezeichnet werden zu der in Japan ausgeprägten Tendenz, sich angesichts einer bestimmten Aufgabe zu engen, komplexen und meist sorgfältig durchorganisierten Gruppen zusammenzuschliessen und zusammengeschlossen zu bleiben. Solche Gruppen sorgen dafür, dass das durch sie Tradierte von Generation zu Generation so unzerstört wie möglich weitergegeben wird, messen aber auch der Erhaltung ihrer selbst grosse Bedeutung zu, was nichts anderes heisst, als dass zum Aspekt der Bewahrung auch derjenige der Anpassung des Tradierten an die Erfordernisse des Augenblicks tritt. Ähnliches geschieht bei der gelegentlich vorkommenden Abspaltung von Untergruppen: Tradiertes wird den Bedürfnissen einer neu entstehenden Zweiglinie stets angepasst.

Was bedeutet dies für die klassische Musik Japans?

1. Ihre einzelnen Elemente sind meist in eine erstaunlich ferne Vergangenheit zurückzuverfolgen und erweisen sich, trotz der Ausprägung von verschiedenen und auch immer wieder neuen Formen, bei näherem Zusehen als untereinander verwandt wie die Zweige eines einzelnen Baumes.

2. Die grosse Bedeutung, die einer Gruppe als stabilem sozialem Organismus beigemessen wird, führt seit jeher zu einer unermüdlichen und sorgfältigen Suche nach stets neuen „Absatzmärkten“ für das Traditionsgut, von dessen Verkauf, Darbringung oder Unterricht die Existenz der Gruppe abhängt. Grundsätzlich ist somit die Gesamtheit der japanischen Musik zu einem beliebigen Zeitpunkt in der Geschichte die Gesamtheit zahlloser, parallel existierender, eigengesetzlich erscheinender Traditionsstränge, die sich dank sehr aktiver Bemühung um Selbsterhaltung durch die unterschiedlichsten historischen Epochen hindurch zu bewahren vermögen.

3. Die Weitergabe von Überlieferungsgut von einem konkreten und auserwählten Menschen zum nächsten stellt für alle an einer Tradition Beteiligten eines der zentralsten Anliegen dar, und so spielen Momente wie Imitation des Gebenden und Betreuung des Nehmenden – also direkte und komplexe zwischenmenschliche Interaktionen – eine entscheidende Rolle. Als Kehrseite dieses Tatbestandes ergibt sich, dass beim Prozess des Weitergebens wesentliche Einzelheiten in umfassende Handlungsabläufe eingebettet und somit implizit bleiben, und das einer analytischen sowie theoretischen Durchdringung des Materials entsprechend geringe Bedeutung zukommt.

Mit Sicherheit trägt die geographische Lage der japanischen Inselgruppe dazu bei, die erwähnten Formen der Überlieferung durch die Jahrhunderte recht stabil zu halten. So ist Japan in geschichtlicher Zeit bis 1945 mit Ausnahme eines missglückten Einfallversuchs der Mongolen 1274 und 1281 nie von einer fremden Macht betreten worden; ausser dem Zurückdrängen des Ainu-Volkes in den hohen Norden des Inselreiches fanden in historischer Zeit auch keine Konflikte mit wesensmässig und sprachlich anderartigen Bevölkerungsgruppen statt. Zwar haben die Japaner seit ältester Zeit Kulturgut vom Festland übernommen, integrierten dieses jedoch stets in einen eigenen, ununterbrochen weiterbestehenden kulturellen Rahmen. Innerhalb dieses kulturellen Rahmens darf auch die japanische Musik nicht als isolierte und isolierbare Komponente betrachtet werden: In einer seit frühester historischer Zeit so zu einer Einheit zusammengeschmolzenen Kultur wie der japanischen unterliegen alle Äusserungsformen des Menschen in ganz besonderem Masse den Gesetzen bestimmter Lebensgefühle, die nicht einzelne, sondern sämtliche Bereiche des Daseins und Handelns umfassen.

Die hauptsächlichen Elemente der während fast der gesamten geschichtlichen Vergangenheit Japans erkennbaren „umfassenden Lebensgefühle“ dürften etwa im 10. Jahrhundert bereits zu einem grossen Teil ausgeprägt gewesen sein. In dieser Zeit ist noch einiges von der in die prähistorische Epoche zurückreichenden Kultur greifbar, doch ist dieses schon durch wesentliche fremde Elemente angereichert, nämlich vor allen Dingen durch die chinesische Schrift und durch (zusammen mit der Schrift seit etwa dem 5. Jahrhundert eingeführtes) konfuzianisches, buddhistisches und taoistisches Gedankengut. Bis zum Abbruch der engen Beziehungen zu Kontinentalasien zu Beginn des 10. Jahrhunderts waren besonders in den Städten Nara und Kyôto fast alle Lebensbereiche von festländischen (koreanischen, chinesischen, indischen) Elementen durchdrungen. Das Zentrum, an dem diese verschiedenen kulturellen Einflüsse vereinigt, in höchstem Grade verfeinert sowie durch das Zusammentreffen mit dem stets fortbestehenden autochthonen Kulturstratum japanisiert wurden, bildete in der Heian-Zeit (794 bis spätes 12. Jahrhundert) in erster Linie der Kaiserhof in Kyôto (damals Heian-kyô); die von der höfischen Gesellschaft dieser Zeit geprägten Ideale stellen einen der wesentlichsten Bestandteile kulturellen Empfindens in Japan dar.

Die Periode zwischen dem 12. und frühen 17. jahrhundert wird oft als japanisches Mittelalter verstanden und ist gekennzeichnet durch das Ausströmen der Heian-Kultur ins ganze Inselreich und die Integration dieser Kultur in das Lebensgefühl ländlicher Gegenden und nicht-höfischer, lokaler Machthaber. Daneben bilden sich aber auch, in Jahrhunderten politischer Unruhe, kämpferische Überfälle und sich gegenseitig befehdender Feldherren, sehr klar umrissene Konzeptionen feudalistischer und militärischer Tugenden heraus. In der späten Heian-Zeit und besonders der Nach-Heian-Zeit manifestieren sich überdies ausgeprägte religiöse und philosophische Momente. In diesem Zusammenhang ist vor allem auf die Durchdringung des japanischen Lebens von buddhistischen Heilslehren hinzuweisen. Von weittragender Bedeutung ist dabei die Tatsache, dass der Buddhismus die lokalen Glaubensformen nicht in Frage stellt, sondern mit ihnen eine enge Synthese eingeht.

Das 16. Jahrhundert brachte für Japan die erste direkte Auseinandersetzung mit europäischen Kulturen, allen voran mit Portugal und Spanien, später mit England und Holland. Zudem wissen wir von japanischem Handel nicht nur mit dem ostasiatischen Festland, sondern auch in Richtung Philippinen.

Die Periode vom frühen 17. Jahrhundert bis 1867 ist die Zeit des sakoku,des „verschlossenen Landes“, in der praktisch jeglicher Kontakt zur Aussenwelt unterbunden war. Der Beginn dieser Epoche ist gekennzeichnet durch die Auslöschung aller Spuren europäischen Kulturgutes einschliesslich des Christentums, sowie das an alle Ausländer gerichtete Verbot, Japan zu betreten (gestattet wurden bloss eine streng kontrollierte holländische beziehungsweise chinesische Handelsniederlassung in Nagasaki).

Der oberste Machthaber des 1603 befriedeten, feudalistisch neu durchstrukturierten und 1639 endgültig zum sakoku gewordenen Staates ist ein Shôgun (in dieser Zeit „höchstrangiger Feldherr“ bedeutend) aus der Familie der Tokugawa. Der erste Tokugawa-Shôgun, Tokugawa Ieyasu, entstammte den Reihen der kämpfenden Feudalherren der vorangehenden Zeit und erhob auch die kulturellen Werte jener Zeit zur allgemeinen Norm. Dabei begann gerade die Verschlossenheit des Landes und der allgemeine Frieden einen Prozess der Verfeinerung der überkommenen kulturellen Werte zu fördern, dessen Dynamik und Konsequenz ihresgleichen suchen.

Was uns heute als traditionelle japanische Kunst überliefert ist, stammt zu einem grossen Teil aus der Tokugawa-Zeit oder ist zumindest durch diese Zeit wesentlich geprägt. Zum Verständnis der Tokugawa-Zeit und ihrer Leistung dürfte es jedoch wichtig sein, zu erkennen, dass es sich nicht um eine Zeit radikaler Neuerfindungen handelt, sondern dass der Mensch eingebettet ist und immer wieder Bezug nimmt auf ein seit Jahrhunderten vorhandenes Kulturstratum, das stets erweitert, aber so gut wie nie zurückgedrängt wurde.

Neue kulturelle Impulse entstehen in der Tokugawa-Zeit (auch Edo-Zeit genannt) durch die ausgesprochene Zweipoligkeit Japans vom 17. Jahrhundert an. Einerseits hält Westjapan – vor allem die alte Kaiserstadt Kyôto und das in der Nähe gelegene Handelszentrum Ôsaka – die überlieferten Kulturströmungen aufrecht und entwickelt diese zu einem Höhepunkt, andererseits verwandelt sich das heutige Tôkyô – das damalige Edo und der Sitz des Tokugawa-Shôgun – rasch in eine Grosstadt, womit auch die ostjapanische Lebensart eine entscheidende Rolle im Entwicklungs- und Verfeinerungsprozess der japanischen Kultur zu spielen beginnt. Die Bahnen, in welche vom 17. Jahrhundert an diese Kultur gelenkt wird, sind zu einem wesentlichen Teil bestimmt durch die beiden Systeme von Gesellschaftkategorien des Tokugawa-Staates. Das eine System ist offiziell und teilt alle Japaner ein, zuoberst in Angehörige des Schwertadelsstandes (samurai), dann des Bauernstandes, des Handwerkerstandes und zuunterst des Händlerstandes; ausserhalb des Systems stehen Priester und einige Sondergruppen. Dieses System ist im Prinzip absolut undurchlässig und schreibt bis ins Detail die Lebensweise des einzelnen vor. Das andere, für die Entwicklung und die Wertmasstäbe der japanischen Kultur wohl ausschlaggebende System ergibt sich aus dem Gegensatz zwischen den ländlichen und (mehr und mehr von Geldwirtschaft geprägten) städischen Gebieten. Dieses System teilt die Menschen ein in ungehobelte, dümmliche Landbewohner und elegante, mit allen Genüssen des Diesseits vertraute, das Schicksal überlistende, lebensfrohe und (besonders in Kyôto) hochempfindsame Stadtbewohner; obwohl das erstgenannte, offizielle System während der Tokugawa-Zeit nie aufgehoben wurde, war es das zweite, inoffizielle, welches sich immer wieder zu behaupten vermochte und in dessen Schoss die Spitzenleistungen der echt städtischen, oft „bürgerlich“ genannten jüngeren japanischen Kunst erbracht wurden.

Das Jahr 1867, in dem die Politik der Isolation zu Ende ging und die oberste Macht im Staat an den Kaiser (und von ihm ernannte Minister) zurückgegeben wurde, stellte für alle Bereiche der japanischen Kultur, mithin auch für die Musik, einen entscheidenden Einschnitt dar. Alles, was vor 1867 entstanden war, gehört – von der Zeit nach 1867 aus gesehen – in die Welt des koten, der Klassik. Diese Klassik bildet ein Total von Werten und Empfindungen, die sich in mehr oder weniger geradliniger Form entwickeln und dabei erweitert und abgewandelt werden, währen über 1000 Jahren aber nie durch harte Konfrontation mit etwas radikal Neuem oder fremdem grundlegende Veränderungen erfahren. Alle Ausdrucksformen in der Welt des koten beziehen sich demnach – meistens im Rahmen eines komplexen Systems von Assotiationsketten und Metaphern – auf eine wohl weitgehend selbstverständlich gewesene Empfindungsgrundlage.

Von 1867 an nimmt nun Japan einerseits rasch und spontan abendländische Werte und nicht in dem Rahmen von koten integrierbare Ausdrucksformen auf, andererseits wird die Welt von koten durch das neue, westlichen Vorbildern entsprechende Erziehungssystem bewusst und systematisch zurückgedrängt. Vor diesem Hintergrund haben wir uns der ganzen Tragweite des zu Beginn dieses Abschnittes genannten Phänomens der Tradition bewusst zu werden: Indem ein bestimmtes, in der Welt oder zumindest noch im Lebensgefühl des koten verankertes Kulturgut von stabilen Gruppen getragen und mit grosser Sorgfalt von Generation zu Generation weitergegeben wird, erhält es sich auch durch ihm eigentlich nicht wohl gesinnte Zeiten hindurch.

Während bereits über 100 Jahren hat die Frage, ob die Zukunft der traditionellen japanischen, oder aber der abendländischen Kunst gehöre, die japanische Musikwelt bewegt. Dabei wandten sich die Verfechter jeder der beiden Ansichten, trotz reichlicher Übernahme von Ideen aus dem jeweils „gegnerischen Lager“, schroff voneinander ab. Es hat sich jedoch in allerjüngster Zeit immer mehr gezeigt, dass die beiden Welten – die traditionelle japanischen und die sich an ursprünglich westlichen Idealen orientierende – sich gegenseitig nicht ausschliessen. Zum einen findet fortwährend ein wechselseitiger Befruchtungsprozess statt. Zum anderen – und dies dürfte das wesentlichere Moment sein – kristallisieren sich im japanischen Leben immer deutlicher Situationen heraus, in denen es angebracht ist, sich ganz nach den Gesetzen abendländischer Prägung, oder aber ganz nach den Gesetzen des ureigenen kluturellen Empfindens zu verhalten und gegebenenfalls auch die entsprechende Musik zum Klingen zu bringen. (1984)