Sankyoku

Die japanische Kammermusik

Geschichte

Die Geschichte der traditionellen japanischen Kammermusik erstreckt sich von den Ursprüngen im zweiten vorchristlichen Jahrhundert bis in die Gegenwart. Dieser Zeitraum kann in fünf Abschnitte unterteilt werden: prähistorisch, alt, mittelalterlich, modern und zeitgenössisch. Während jeder dieser Perioden entwickeln sich spezifische musikalische Formen, die teilweise bis heute existieren.

Die erste Phase, vom zweiten vorchristlichen bis etwa dem siebten nachchristlichen Jahrhundert, umfasst diejenigen eigenständigen Formen, die vor der Berührung mit dem chinesischen Festland entstanden sind.

Die Zeit der alten Musik, korrespondierend mit der Nara-Zeit (645-794) und der Heian-Zeit (794-1185) ist gekennzeichnet von der Einführung und Integration der kontinentalen chinesischen Musik, insbesondere des gagaku (einer gelehrten, manchmal getanzten, manchmal gesungenen instrumentalen Kunstmusik) und shômyô (buddhistischer liturgischer Gesang).

Im Mittelalter entsteht die japanische Musik im eigentlichen Sinn, wie wir sie heute kennen, und zwar durch wasan (buddhistischer Gesang in japanischer Sprache), heikyoku (das Epos der Heike, das von der biwa begleitet vorgetragen wurde) und nô (gesungenes, gesprochenes, gemimtes und getanztes Theater).

Während der modernen Periode, vom Beginn der Epoche von Momoyama (1573) bis zur Restauration der Meiji 1868, erlebt die städtische Musik in der Form des sankyoku ("Musik für drei Instrumente", koto, shamisen [sangen] und shakuhachi) die höchste Blüte mit Musik für koto, shakuhachi, satsuma-biwa und shamisen. Es entstehen viele musikalische Formen wie gidaiyu, kiyomoto, tokiwazu, nagauta, kouta und jiuta.

Seit der Meiji-Restauration vollzieht sich ein erneuter Wandel durch die Berührung mit der westlichen Musik; die zeitgenössischen Musiker haben die Technik der westlichen Musik assimiliert, ihr neue Impulse verliehen und sie weiterentwickelt. Musik für japanische und europäische Instrumente ist entstanden, ohne dass jedoch eine neue Art zu komponieren daraus resultieren würde.


Die Instrumente


Koto

Das koto ist eine Art Zither mit dreizehn Saiten, wobei diese, jede einzelne ist mit einem verschiebbaren Steg versehen, über einen gewölbten, dick lackierten Resonanzkörper gespannt werden. Es ist eines der ältesten japanischen Musikinstrumente. Bereits im zweiten Jahrhundert christlicher

Zeitrechnung findet man hanawa-Tonfiguren, die Personen darstellen, welche auf einem fünf- oder sechssaitigen koto spielen. Das Instrument gehört zum gagaku, dem kaiserlichen Hoforchester. Dazu gibt es zahlreiche literarische Zeugnisse für die Beliebtheit des koto im Kreise der Aristokratie insbesondere der heian-Zeit. Die ältesten überlieferten Stücke entstehen im sechzehnten


Jahrhundert und stammen aus Sammlungen, die der buddhistische Mönch Kenjun im Norden von Kyûshû gesammelt hat. Zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts wird das koto wie auch das shamisen zum privilegierten Instrument der blinden Musiker, die sich zu einer von einem Vorsteher (kengyô) geleiteten Zunft zusammenschließen, protegiert von der Obrigkeit und auch deren Schutz unterstellt. Dank der damit gesicherten ununterbrochenen Weitergabe sind die klassischen Stücke für koto bis heute erhalten geblieben. Der erste kengyô, der Begründer der Schule von Yatsuhashi, leitet eine neue Ära für das koto ein, indem er die Stücke dem Geschmack des städtischen Publikums anpasst. Am Ende des siebzehnten Jahrhunderts entstehen zwei neue Schulen, ikuta in Kyôto und, etwas später, die Schule yamada in Tôkyô. Die Spieltechnik ist charakterisiert durch die Verwendung von künstlichen Fingernägeln, eine Art Plektrum, für Daumen, Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand, die die gezupften Töne und glissandi ausführen, während die linke Hand durch Niederdrücken der schwingenden Saite jenseits des Steges die Tönhöhe verändert und die Töne mehr oder weniger nachklingen lässt.

Shamisen


Die Ursprünge der dreisaitigen Laute gehen auf das frühe ägyptische Altertum zurück. Das Instrument verbreitet sich über Persien, Indien, Tibet und China und erreicht Japan im sechzehnten Jahrhundert über die Ryûkyû-Inseln. Das shamisen ersetzt allmählich die biwa als Begleitinstrument der deklamierenden Erzählungen. Es entstehen zwei Arten von Musik, zum einen Theatermusik für bunraku (Puppentheater) oder kabuki und die Vokalmusik wie etwa jiuta und nagauta, Volkslieder aus der Gegend von Kyôto und Nara, die das städtische Publikum der damaligen Zeit sehr schätzte. Die Saiten des shamisen werden mit einem großen Plektrum aus Elfenbein geschlagen, bisweilen auch gegen den Resonanzkörper, was dem Instrument den charakteristischen perkussiven Klang verleiht. Die linke Hand stützt den langen Hals, mit Zeige-, Mittel- und Ringfinger werden die Töne gegriffen sowie vibrati, glissandi und pizzicati ausgeführt.

Musik für Koto und Shamisen


Die Beziehungen zwischen der Musik für koto und der für shamisen sind sehr eng. Der Grund dafür liegt in der Geschichte der beiden Instrumente, denn als das shamisen in Japan eingeführt wurde, wo es zuerst ein Begleitinstrument für alle Arten von Erzählungen war, "entlieh" es sein Repertoire beim kumiuta des koto, Suiten von gesungenen Gedichten, verbunden durch instrumentale Zwischenspiele. Bereits im siebzehnten Jahrhundert kommt diesen Instrumental-Teilen wachsende Bedeutung zu, sie verlieren ihre Besonderheit und Feinheit, die dem koto eigen ist, und werden zu einer Musik, die sich dem Charakter des shamisen nähert. Die Zwischenspiele werden nun tegoto genannt und erfreuen sich beim städtischen Publikum großer Beliebtheit. Die Grundstruktur der Musik beider Instrumente ist die Einstimmigkeit, so dass Melodien von einem zum andren Instrument transportiert werden können, diese sich demnach also gegenseitig beeinflussen. Manche Musiker, dies ist insbesondere der Fall bei Yatsuhashi, beherrschen beide Instrumente perfekt. Mitte des achtzehnten Jahrhunderts tauchen Stücke für shamisen und koto auf. Mit der Meiji-Restauration wird die shakuhachi 1871 zum weltlichen Instrument, das Duo erweitert sich zum Trio, nunmehr sankyoku ("Musik für drei Instrumente") genannt. Gelegentlich tritt noch ein zwei- oder viersaitiges Streichinstrument, das kokyû, hinzu.

Die Struktur dieser Stücke ist im wesentlichen einstimmig. Alle Instrumente spielen dieselbe Melodie, jedoch mit Variationen, wie sie für das jeweilige Instrument charakteristisch sind. An der japanischen Musik ist jedoch deutlich zu hören, dass die Einstimmigkeit nicht ganz eindeutig ist. Die einzelnen, unisono spielenden Stimmen ergeben keine absolut deckungsgleiche Homophonie. Man spielt zwar das gleiche, aber nicht zur genau gleichen Zeit. Diese minimalen Verschiebungen, die den europäischen Ohren wie schlampiges Musizieren klingen, sind in Wirklichkeit hoch organisierte "Ungenauigkeiten". Es ist leicht vorstellbar, daß diese Verschiebungen, überschreiten sie ein gewisses Maß, den Stimmen eine Form von Selbständigkeit verleihen. Diese Technik der Verschiebung meist kurzer Melodieteile (zure) ist ein verbreitetes Mittel der japanischen Mehrstimmigkeit. Eine weitere Art besteht in der Montage, verschiedene Teile (dan) werden dabei übereinandergelegt. Diese Technik, dan'awase - "Zusammenlegen von Teilen" genannt, zeitigt eine recht kühne Stimmführung, da die gleichzeitig gespielten Teile oft keine andere Gemeinsamkeit haben als ihre Länge. Daraus ergibt sich eine Bewegung Einstimmigkeit - Mehrstimmigkeit - Einstimmigkeit.

Die Stücke sind also mehrstimmig, aber auf eine seltsame Art in zwei Extremen: entweder sie fallen vollkommen zusammen in Unisono oder Oktavparallelen, oder sie bewegen sich so frei, als ob die andere gar nicht existierte. Dies ist wiederum in gewisser Weise eine Einstimmigkeit, denn zum einen kann man von Mehrstimmigkeit nicht sprechen, im anderen Fall wäre die Einstimmigkeit, da sich die Stimmen melodisch nicht aufeinander beziehen, eine doppelte: wir hören zu gleicher Zeit voneinander unabhängiges. Doch diese Verschiedenheit ist rhythmisch vermittelt. Der gemeinsame Rhythmus verbindet die beiden Stimmen und lässt keinen Zweifel daran, daß das klingende Resultat eine intendierte Schöpfung und nicht ein Produkt des Zufalls ist.

Im Ganzen gewinnt man den Eindruck, etwas unfertiges zu hören, gleichsam einem Experiment beizuwohnen. Vor dem übermächtigen Hintergrund der Einstimmigkeit war die Mehrstimmigkeit in der japanischen Musik eine Randerscheinung, die nie ernsthaft und über längere Zeit verfolgt wurde. Auch die geringe Anzahl zweistimmiger Stücke zeigt das.

Eine der großen Kulturleistungen Japans ist die konsequente und sehr weit vorangetriebene Entwicklung der Einfachheit als Gegensatz zur Komplexität. Es ist kein Widerspruch, daß diese Einfachheit mit großem Raffinement einhergeht. Dieses besteht im Elaborieren des mikrotonalen Bereiches sowie der Klangfarben von Instrument und Stimme. Es ist einleuchtend, daß eine zweite Stimme diese subtilen Eigenschaften der Musik eher stört als bereichert.